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19.07.2008   09:19

Das Verkehrsministerium will Straßenschilder sparen

Alle fahren jetzt in Ferien: du und ich und er und sie. Doch schon kurz vor der nächsten Autobahnkurve kriegen alle einen Schreck, denn da steht ein blaues Schild mit einer weißen Schneeflocke. Ist das die Wettervorhersage? Soll es wirklich so kalt werden?, fragen frierende Urlauber ängstlich. Wo bleibt die versprochene Klimaerwärmung? Keine Bange, das Schild steht schon seit der letzten Eiszeit da und hat im Sommer sowieso keine Bedeutung. Seine semantische Funktion ist überhaupt schwer auszumachen, aber darin liegt auch ein gewisser Reiz. Das Schneeflocken-Schild warnt nämlich vor Schneeflocken, sofern Schneeflocken da sind. Oder anders ausgedrückt: es dient als tautologischer Evidenzverstärker. Vorsicht Straßenglätte gilt unter der Bedingung vorhandener Straßenglätte; in Köln sagt man: Wat is, dat is – eine durchaus dadaistische Weltsicht, und es verwundert nicht, daß die Dada-Bewegung einst aus Deutschland und der Schweiz kam, den beiden Ländern mit der höchsten Verkehrsschilddichte.

Heute gibt es allein …

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15.07.2008   21:14

Paß oder Sehschlitz

Die Marokkanerin Faiza M. ist 32 Jahre alt. Vor acht Jahren kam sie nach Frankreich, heiratete einen Franzosen und wurde Mutter von drei Kindern. So unauffällig sieht die administrative Oberfläche eines Falls aus, der zu einem Prüfstein für die französische Staatsphilosophie geworden ist und über den sich kürzlich das höchste Verwaltungsgericht Frankreichs, der Conseil d’Etat, ausgesprochen hat.

Faiza M. wollte Französin werden. Früher wäre sie es durch die Heirat mit einem Franzosen automatisch und auf der Stelle geworden; inzwischen wurde, um das Problem der Scheinehen zu bekämpfen, eine gesetzliche Wartefrist eingebaut: erst waren es zwei Jahre, heute sind es aufgrund der sogenannten „loi Sarkozy“, des „Sarkozy-Gesetzes“, vier Jahre.

Faiza M. stellte fristgerecht den Einbürgerungsantrag und wurde dann von einer Staatsbeamtin vorgeladen, die sich davon zu überzeugen hatte, daß die Kandidatin „für die Bedürfnisse des Alltags“, wie es im Gesetzestext heißt, gut genug Französisch spricht (das war …

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06.07.2008   21:35

Hau den Hitler

Im Zeitalter der Plastination echter Leichen und deren Zurschaustellung ist ein Wachsfigurenkabinett doch irgendwie kalter Kaffee. Und dennoch kostet der Eintritt bei Madame Tussauds in Berlin 18,50 Euro. Das ist für einen Hartz IV-Empfänger wirklich eine Menge Geld. Da muß schon etwas ganz Besonderes geboten werden: nicht nur Statisches, sondern Dynamisches, wie es der Berlin-Tourist von dieser dynamischen Stadt sowieso erwartet. Zum Beispiel ein Hitler zum Zerhauen. Man nimmt ein bißchen Anlauf, stößt zwei sinnlos herumstehende Museumsangestellte beiseite, die bloß aufpassen, daß für 18,50 Euro Eintrittsgeld niemand ein Erinnerungsfoto schießt, springt über die Absperrkordel und krallt sich mit der deutschen Grußformel „Nie wieder Krieg!“ den wächsernen Führer. Der ist so weich, daß ihm durch kurzes Schlagen und Schütteln schon der Kopf abgeht.

Es ist stark zu vermuten, daß die Manager von Madame Tussauds neuer Filiale in Berlin den Hartz IV-Empfänger Frank L., der diese heldenhafte Sachbeschädigung gleich am …

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27.06.2008   11:46

ß

Die Kleinen stammen von den Großen ab: das gilt nicht nur im Tier- und Menschenreich, sondern auch für Buchstaben. Jedes kleine a hat sich zur Karolingerzeit aus einem großen A entwickelt, jedes kleine b aus einem großen B. Bloß das Eszett, auch scharfes oder Straßen-S genannt, Buckel- oder Ringel- oder sogar Rucksack-S, dieser sehr sonderbare und ebensosehr deutsche Buchstabe ist ein Waisenkind. Das kleine Eszett hat keine Mama und keinen Papa, es stiefelt ganz allein durch unsere Texte, und wenn es mal in groß gebraucht wird, dann treten zwei normale S an seine Stelle.

Das ist nicht recht so, und deswegen sucht die Typografenzunft seit langem nach einer Lösung für dieses abwegige, wunderliche und doch irgendwie brennende Problem. Denn die Großschreibung als solche hat etwas Dringendes – nicht nur, weil sie eine deutsche Eigentümlichkeit ist, um deren Existenzberechtigung immer wieder gestritten wird, sondern weil die Großschreibung ganzer Wörter …

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13.06.2008   11:30

Prinzlicher Preis für kleine unbekannte Suchmaschine

Die Horrorvisionen des Club of Rome haben sich nicht bewahrheitet, die Erdbevölkerung wächst nicht so schnell wie einst vorhergesagt; insbesondere in China mit seiner Ein-Kind-Politik nimmt die Menschenmenge nur noch ganz allmählich zu – und schon entsteht ein neues, völlig anders geartetetes Problem, nämlich bei der Vergabe von Kulturpreisen. Kulturpreise sind darauf angewiesen, daß es auf der Welt genügend Rezipienten gibt, und das ist, wenn die Weltbevölkerung nicht explodiert, höchst fraglich. Denn die Menge der zu vergebenden Kulturpreise hört nicht auf zu explodieren.

Man braucht in diesem Jahr der Mathematik keine besondere Unterweisung, um zu erkennen, daß hier eine Schere aufgeht zwischen der Anzahl der Preisstifter und jener Preisempfänger. Wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schon an den Kunsthandwerker Anselm Kiefer geht, dann zeigt dies einen so dramatischen Kandidatennotstand an, daß man froh sein kann, nicht auch Michael Schumacher, Joanne K. Rowling oder Al Gore in der Frankfurter …

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04.06.2008   16:45

Melken oder meutern? - Das Drama an den Eutern

Rot und weiß ist das Leben: rot wie die Höllenglut und weiß wie das leere Blatt, das geduldig auf die nächsten Einfälle des Autors wartet. Rot wie Blut und weiß wie milde Milch. Letzteres ist eigentlich ein Pleonasmus, denn Milch ist immer mild; Milch ist flüssige Mütterlichkeit und darum rundum sanft. In der Milch liegt alles Behutsame und Fürsorgliche, alles Zärtliche und Zukunftsfrohe, womit der liebe Gott sogar Raubtiere ausgestattet hat; und so möchte man wünschen, daß mehr Milchigkeit und weniger Blutigkeit die Weltgeschichte prägen möge.

Hat man jemals irgendwo von Milchrache gehört? Wir können probeweise mit dem Austausch der Körperflüssigkeiten anfangen, dann hieße es: ‚die Milch, die für euch vergossen wurde‘; ‚Milch und Boden‘ usw. – und schon sind wir bei den wütenden Landwirten, die allen Ernstes Milch auf dem Boden vergießen. Aber das war jetzt gar nicht beabsichtigt, nicht um Kämpfe und Kampagnen soll es hier …

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01.06.2008   23:12

Hallo, wer hört mit?

Das Telefon ist ein Gerät, durch das die Überwachung und Bespitzelung der Menschen sehr vereinfacht wird. Bevor es das Telefon gab, mußte man Kuriere abfangen, Briefumschläge mit Wasserdampf öffnen oder mucksmäuschenstill unter fremden Betten liegen, um etwas zu erfahren, seit der Einführung des Telefons jedoch genügt es, die Leitung anzuzapfen. Denken wir ein bißchen dialektisch, dann erkennen wir: der Hauptzweck des Telefons liegt im Angezapftwerden, nur nebenbei dient es auch noch der Kommunikation.

Das ist übrigens der Grund, weshalb das Telefonsystem – zumindest in Europa – von Anfang an vom Staat betrieben wurde; diese gigantische Abhöranlage sollte einfach nicht in private Hände gelangen. Im Lauf der Zeit wurden die Menschen aber mißtrauisch auch gegenüber dem Staat. Deshalb hat man den sogenannten Datenschutz geschaffen; der soll verhindern, daß die Verwalter der Abhöranlage sie auch ständig benutzen.

Nun ist unsere Telekom bekanntlich nicht mehr staatlich, aber ganz unstaatlich …

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06.05.2008   14:56

Lauter und länger: Die Vögel in der New Economy

Jeder freut sich über den Frühling: die Sonne, die Blumen, die Vögel, der Garten, das Bier – alles scheint auf unser Wohlgefallen aus zu sein, deswegen ist es höchste Zeit, da ein paar Haare in die Suppe oder Wermutstropfen ins Getränk zu schütten, damit uns die schlechte Laune nicht frühzeitig ausgeht. Apropos frühzeitig: Das Elend beginnt ja schon damit, daß es immer früher beginnt, denn die Tage werden länger, und das heißt: sie fangen eher an. Das hat wiederum zur Folge, daß die Vögel schon in des Morgens allererstem Grauen mit ihrem grauenhaften Getschilpe und Geziepe loslegen, sodaß der erst spät nachts gedankenschwer ins Bett gefallene Glossenschreiber des wohlverdienten Schlafes nicht und nimmer findet.

Unsereiner pflegt mit Schuldzuweisungen an die Umwelt zurückhaltend zu sein; deswegen brachte ich die Empfindung nicht nur überlauten, sondern mit der Zeit auch noch immer lauter gewordenen Vögelgeschreis zunächst mit dem eigenen Verkaterungszustand in …

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