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12.03.2010   10:06

Bunter Spott nach Athen

Zu vorschnell geurteilt, denn die meisten griechischen Zyprioten trumpfen inzwischen in ganz andere Richtung auf und zwar gegenüber Athen. Die ewig verquickte Hassliebe zum “Mutterland” hat sich nämlich in diesen Tagen in veritablen Spott über die endemische Faulheit und Korruption der innovationsfeindlichen Vettern verwandelt - und zu einem überraschenden Lobpreis der bis 1960 anwesenden britischen Kolonialmacht. Das intakte Rechts- und Steuersystem, die gute Infrastruktur (von den auf Druck der mächtigen Taxi-Lobby sträflich unterentwickelten öffentlichen Verkehrsmitteln schweigt man indessen lieber), die geistige Flexibilität und anglikanische Arbeitsethik - es scheint im Moment nur wenig zu geben, was der nach wie vor wirtschaftlich stabile Südteil der Insel nicht generös dem positiven Erbe kolonialer “Entfremdung” zuschreiben würde. http://www.welt.de/die-welt/kultur/article6738712/Bunter-Spott-nach-Athen.html

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08.02.2010   21:30

Auf den Straßen Arabiens

Was auf den Straßen von Tunis, Sousse, Monastir, Kairouan und Tozeur nämlich zu sehen ist, ist dies: Pure Stagnation, eingehüllt in den grau-kalten Nebel der aus den Auspuffrohren altertümlicher Autos und klappriger Mopeds dringt, vermischt mit dem Chicha-Rauch aus den Mündern der unermüdlichen Wasserpfeifenraucher, die mit mürrischer Miene schon am frühen Vormittag die unwirtlich gekachelten Straßen-Cafés bevölkern. Wo aber sind die Frauen, wo doch Tunesien dafür bekannt ist, ihnen verfassungsmäßige Gleichheit zu garantieren und damit eine Art Vorreiter in der arabischen Welt darzustellen? Nun - sie arbeiten.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article6262610/Auf-den-Strassen-Arabiens.html

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24.01.2010   14:05

Im Schatten des Voodoo

Ist es herzlos, jetzt im Augenblick der größtmöglichen Katastrophe die Frage zu wagen, weshalb ausgerechnet Haiti, immerhin bereits 1804 unabhängig geworden, zu einer Art Vorhölle werden konnte? Experten sagen, dass erdbebentaugliche Bauweise (wie etwa im rationalen Costa Rica seit den Fünfzigerjahren Usus) ein Massensterben verhindert hätte. Auch weisen sie darauf hin, dass ein Land, welches seine Bodenschätze nicht nutzt und stattdessen Wälder abholzt, zur perfekten Einflugschneise für Hurrikans wird. Weshalb jedoch dieser empörende Mangel an Vorausschau? http://www.welt.de/die-welt/debatte/article5950712/Im-Schatten-des-Voodoo.html

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02.01.2010   13:53

Ein Hurrikan über Tel Aviv

"Ich stamme aus dem gleichen zionistisch-sozialdemokratisch geprägten Mittelschicht-Milieu wie einer meiner Anti-Helden. Dazu war mein Großvater Politiker der Arbeitspartei und mein Vater mehrfach Minister unter Yitzhak Rabin - übrigens einer derjenigen, die sich dabei weder Pfründe noch Reichtum gesichert haben. Ich kenne also die Welt der säkularen Israelis, die ihre stets im Rahmen des eigenen Verständnisses bleibende Selbstkritik noch immer als Beleg dafür nehmen, wie großartig und ethisch edel man sei. Es ist die Doppelmoral und hinter kultureller Feinsinnigkeit perfekt kaschierte Xenophobie unserer vermeintlich so aufgeklärten Elite, welche die radikalen Siedler und die religiöse Ultrarechte ja erst hervorgebracht hat, Fleisch von ihrem Fleisch.”
http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article5696957/Ein-Hurrikan-ueber-Tel-Aviv.html

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29.12.2009   22:31

Das irische Beispiel

Was früher schlicht “Moderne” hieß, firmiert inzwischen unter dem Namen “Globalisierung”, mitunter auch unter der abwertend gemeinten Bezeichnung “Brüssel”. In allen drei Fällen aber befleißigt sich gestern wie heute rechte und linke Zeitkritik des exakt gleichen Untergangsvokabulars: zersetzend, volksfremd, künstlich, anonym und traditionszerstörend sei all dies, atomisiere das Individuum, nivelliere Kulturen und vernichte “organisch gewachsene Strukturen”.
http://www.welt.de/die-welt/debatte/article5661134/Das-irische-Beispiel.html

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22.12.2009   12:33

Männer im Tschador

Von Marko Martin

Die staatliche Nachrichtenagentur Fars hatte eine Aufnahme des verhafteten Studentenführers Majid Tavakoli verbreitet - bärtig und in Frauenkleidern, in denen er angeblich versucht habe, vor der Staatsgewalt zu flüchten.Die klare Absicht des Regimes, seine Repressionsmethoden mit dem “gesunden Volksempfinden” quasi zu verlinken, um damit nicht nur Einschüchterung, sondern auch Akzeptanz zu erreichen - dies ist, so ließe sich in Populärsprache sagen, nun tatsächlich voll nach hinten losgegangen.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article5609049/Laecheln-in-der-Diktatur.html

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13.11.2009   13:01

Lustige Tropen

So weit, so unschuldig, und doch senkte sich - zurück an Bord - beim abendlichen Dinner am weiß gedeckten Tisch große Traurigkeit über die Gruppe. Der Laptop-Besitzer bekannte, er hätte jetzt lieber im dörflichen Funzelschein gesessen, “bei den Leuten, einfach mit einem Sandwich”. Auf die Frage, wer ihm dieses denn hätte zubereiten sollen, verstummte er jedoch und begann etwas von Elend und Exklusion zu murmeln. In der Tat hatten wir alle die offene Feuerstelle gesehen, an der des Maschinisten barfüßige Frau mit ihren vier Kindern hockte und uns zulächelte. Was allerdings keiner der schuldbewussten Voyeure bemerkt zu haben schien, war das Gerät unter dem riesigen Handtuch: Ein vor Mücken und herumstreunenden Katzen sorgsam verborgener Panasonic-Flachbildschirm, irgendeine Raubkopie aus China. http://www.welt.de/die-welt/kultur/article5180717/Lustige-Tropen.html

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10.10.2009   17:20

Wider das bequeme Europa

"Ich vertraue der Sprache nicht”, sagt Herta Müller, und die skrupulöse Dichterin meint die Sprache der Literatur selbst und damit jene Worte, die Erinnerungen in die Gegenwart transportieren.Wohlgemerkt: Hier wird dem eigenen, bereits schmerzhaft selbstreflexiven Schreiben eine zusätzliche Sonde eingesetzt und nicht irgendeine oberflächliche Kulturkritik zelebriert.Dazu hat Herta Müller ihre publizistischen Einsprüche nie inflationär werden lassen, sondern gerade richtig dosiert: So etwa in ihren Wortmeldungen wider die bundesdeutsche Nonchalance im Umgang mit der DDR-Vergangenheit.Es wäre eine Illusion, zu hoffen, dass ihr Misstrauen gegen die Sprache auch nur die geringste Spur bei jenen Hartleibigen hinterlassen könnte, die ja von ihren medial verbreiteten Lebenslügen leben, einem Sound zwischen “Wir mussten ja” und “Es war nicht alles schlecht”, der 1945 begann und in neuer Notenführung nach 1989 noch einmal so richtig anschwoll
http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4795279/Wider-das-bequeme-Europa.html

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