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23.03.2008   12:27

Das Wundergrab von Schiraz

Nachtigallen zirpen und Handys klingeln, Frauen mit schwarzem Kopftuch greifen nach rotem Lippenstift, während junge Männer abwechselnd Videocameras bedienen und sich in Lyrikbände vertiefen. Dabei ist dieser Ort selbst ein Gedicht, die Jasminblütenbeete elegante Zeilen eines hybriden Hymnus, der mühelos die Jahrhunderte überspringt und dabei die Kontraste in einem einzigen Lebensjubel versöhnt – das Grab des Poeten Hafis am Rande der südiranischen Stadt Schiraz. Mögen draußen vor dem Eisenzaun weiterhin die Bilder des grimmigen Chomeini hängen, hier drinnen herrscht andere Zeit, der sanfte Pendelschlag der Poesie. Schon am Tor setzt die Verwandlung ein. Dem genius loci kann sich keiner entziehen, der neben Blumenrabatten oder im Schatten von Zypressen oder Palmen wandelt und dann die wenigen Stufen einer breiten Freitreppe erklimmt, um hinter einem Säulengang auf das Allerheiligste zuzusteuern. Wobei heilig – beinahe eine Provokation im Mullah-Staat des politisch instrumentalisierten Märtyrerkultes – einmal nichts mit Prophetentum und Blut und Opfer, …

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13.03.2008   20:42

Der Affe im Straflager und andere Überraschungen

Eine Reise über die südchinesische Insel Hainan, das „Hawaii des Ostens“:

Frau Qi, Vizebürgermeisterin der fünfhunderttausend Einwohner zählenden Bademetropole Sanya, ist eine strenge Beamtin. Sitzt unter dem unermüdlichen Summen der air condition-Anlage kerzengerade hinter ihrem Tisch, zupft kurz und energisch an der spitzenbesetzten Bluse, friert dann ihr Lächeln ein, bis die feingeschwungenen Lippen ebenso starr wirken wie ihr wellenförmig onduliertes Haar, und sagt: „ 4 A. Vier A! Oberste Attraktivitätskategorie. Hainan hat zahlreiche dieser Standorte, und sie werden effizient kontrolliert, schließlich sollen sich die Gäste wohlfühlen. Deshalb sagen wir seit den neunziger Jahren auch: Hawaii des Ostens. Unsere Lebenserwartung ist die höchste ganz Chinas, dazu gibt es 20.000 Hotelbetten. Zwanzigtausend! 3,6 Millionen Touristen besuchten unser tropisches Eiland letztes Jahr, doch diese Zahl wird planmäßig erhöht. Wir haben ein großes Potential, heiße Quellen, die sauberste Luft und das klarste Wasser des Landes, aber wir möchten keinen Massentourismus. Neben …

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26.02.2008   13:52

Trotzki was here oder Der lange Weg zum Revolutionär

Die ruhmreiche Arbeiterklasse weiß wieder einmal von nichts. Hamla Sokak, Hamla Sokak? Auf der ganzen Insel, die wie ein winziger grüner Tupfen im Marmara-Meer vor Istanbul liegt, scheint noch keiner etwas von einer Straße dieses Namens gehört zu haben. Weder Pferdekutscher noch Fischer können Auskunft geben, von den wenigen Passanten ganz zu schweigen, die auf dem schattigen Trottoir an Gärten vorbeilaufen, die tatsächlich „voll sind mit dicken, fast fettleibig wirkenden Rosen“. Ein Zeitungstext vom Juni 1933 - zuerst erschienen in Paris-Soir, irgendwann in einem Sammelband des Diogenes Verlages auch auf deutsch veröffentlicht – als bester Reiseführer. Verfasser: Georges Simenon. In jenem Sommer reiste der „Maigret“-Autor über Istanbul per Fährschiff auf die nahegelegenen „Prinzeninseln“, um auf dem letzten Eiland Büyük Ada (das er übrigens fälschlicherweise „Insel Prinkipo“ nannte) nach Leo Trotzki, dem damals weltberühmtesten Revolutionär zu suchen.

Die russischen Matronen, die siebzig Jahre später neben mir auf den sonnenbeschienenen …

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29.12.2007   22:51

Buchtipp: “Jürgen Fuchs”

Udo Scheer hat die Biographie des Schriftstellers und DDR-Dissidenten Jürgen Fuchs geschrieben. Sie erinnert an einen verdammt guten Menschen. Eine Besprechung von mir steht hier

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24.12.2007   15:39

Timur und sein Trupp: Herrn Lehmanns Verwandte leben und warten in Reykjavik

Herr Lehmann könnte hier gewesen sein, das heißt: hier herumgehangen haben. Die dem „Kaffibarinn“ angemessene Sitzhaltung ist nämlich jene der moderaten Horizontale: Ob auf dem breiten, leicht zerschlissenen Samtsofa unterhalb des fleckigen Spiegels im Goldrahmen oder auf diversen Stühlen und Barhockern – am besten, man sackt sogleich in die Klappmesser-Fragezeichen-Zeitungsleser-Haltung. Mühelos lässt sich so ein Schläfchen halten, Wegdämmern am späten Nachmittag, Zusammensacken am frühen Morgen, jedenfalls ein Vor-sich-Hinlümmeln die ganze Zeit, das verblüffenderweise jedoch weniger schlaff wirkt als vielmehr körperbewusst und cool. Traten und treten nicht auch Rocksänger in dieser Weise auf die Bühne, ihre Oberkörper den an die Hüfte gepressten E-Gitarren zugewandt, als gelte es etwas – einen Rhythmus, einen Text, eine Melodie - zu beschirmen, oder besser noch: Ein Geheimnis zu erlauschen?
„Robert Plant liegt über Reykjavik, und Autos schlängeln sich durch sein Haar, diese lange veraltete Zeppelin-Matte.“
Das fortwirkende Mysterium der Café-Bar „Kaffibarinn“, …

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08.10.2007   14:20

Die Erweckung von Córdoba

Der französische Holocaust-Leugner Roger Garaudy betreibt in Andalusien ein „Museum der Toleranz“

„Die Welt ist nicht absurd – das ist die Botschaft.“ Derlei möchte man gern glauben, denn es ist ein sonniger Nachmittag in Córdoba. Der Minarett-Glockenturm der Mezquita, Andalusiens berühmtester Moschee-Kathedrale, reckt sich in den wolkenlos blauen Himmel, und von der über den Guadalquivir führenden Brücke läßt sich auf ein Flußbett aus kleinen Inseln und noch winzigeren Wasserstrudeln blicken, während am anderen Ufer wuchtig der Torre de la Calahorra steht, zu maurischer ebenso wie zu christlicher Zeit ein mächtiger Wachturm mit pyramidenförmigen Zinnen. Seit 17 Jahren beherbergt er das „Museo Vivo de Al-Andalus, ein Museum der Toleranz“.  Das Innere ist dämmrig, die Wände sind mit Teppichen und Ornamentmalerei bedeckt, in den Vitrinen das diffuse Glitzern alten Silbers, doch dann beginnt es hinter den roten Absperrschnuren zu leuchten.

„Eine unvergeßliche Reise durch die Vergangenheit. Mit hochmodernen …

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26.07.2007   09:31

Stefan Zweig in Brasilien. Ein Spaziergang, eine Hommage

Natürlich kann man weder durch Rio noch durch Salvador da Bahia laufen, ohne an ihn zu denken. Weshalb eigentlich? Warum tust du das, fragen mich mitunter gleichaltrige Kollegen: Statt andauernd zu reisen, könntest du mehr Bücher schreiben, und statt vor deinen Reisen soviel über das jeweilige Ziel zu lesen, könntest du ganz spontan.... Unfug. Man sieht nur, was man weiß, und einer, von dem man über die Jahrzehnte hinweg noch Wissen empfangen möchte, weil es so lauter und menschenfreundlich weitergegeben wird, weil man seiner Stimme vertraut und von seiner jugendlich gebliebenen Begeisterungsfähigkeit mitgerissen wird, ist eben jener Stefan Zweig, dessen Geburtstag sich letztes Jahr zum 125. Male jährt. Wäre ich jetzt anders durch Brasilien gereist, hätte ich da schon die deutsche Ausgabe von Alberto Dines´ „Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig“ bei mir gehabt? Ein wunderbar geschriebenes, siebenhundert Seiten starkes Buch über die brasilianische Zeit des von Hitler …

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22.06.2007   09:04

Nicaragua oder „Nicaraguwua“: Betrachtungen eines Zaunsgastes

Nein, ich war nicht dabei. Stand, wenn mich meine Mutter zum Einkaufen schickte, in der HO (für noch Spätgeborenere: „Handelsorganisation“, Name der DDR-Lebensmittelläden) in einer Schlange und kaufte Muckefuck anstatt in einen Dritte-Welt-Laden hineinflanieren zu können, um zu überhöhtem Solidaritätspreis nicaraguanischen Kaffee zu erstehen, der von einer fröhlich-mutigen Campesino-Cooperative gegen Wind, Wetter & Contras produziert und geerntet worden war. Solche Läden entdeckte ich erst später, nach der Übersiedlung im Frühjahr ´89 – und wunderte mich, weshalb die dort Einkaufenden, darunter so manche meiner Gymnasiumslehrer in Singen am Hohentwiel, plötzlich ihren alemannischen Akzent verbargen und (als wäre es ein 40-Jahre-Film mit Dolores del Rio) mit völlig veränderter Stimme und Zungenschnalzen „Nicaragua“ sagten, die letzten beiden Buchstaben zu einem flotten und anscheinend sehr authentischen wua geformt.
Weshalb aber macht sich jetzt in der Erinnerung weniger Spott als vielmehr eine Art Trauer bemerkbar, fern jedenfalls jener Generation-Golf-Anekdöterei über alte Linke und …

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