Michael Miersch (Archiv) / 17.02.2013 / 12:55 / 0 / Seite ausdrucken

Esst mehr Pferd!

Vorbemerkung: Auf Lebensmittelverpackungen sollte draufstehen, was drin ist. So weit, so langweilig. Ach ja, noch ein Wort zu dem jetzt so furchtbar wichtigen Pfer-de-Medikament Phenylbutazon. Um davon krank zu werden, müsste man sich Jahr und Tag von Rennpferden ernähren. Allein die immer wieder gebrauchte Formulie-rung „eine Gesundheitsgefährdung sei nicht auszuschließen“ ist ein sicheres Zeichen für eine medial hochgejazzte Pseudo-Bedrohung.  Damit ist eigentlich alles über den Pferdefleischskandal gesagt.

Und nun zum eigentlichen Skandal. Obwohl Pferdefleisch besonders wertvoll ist und in anderen Ländern als Delikatesse gilt, werden in Deutschland die allermeisten Pferde in Industrieöfen verbrannt.

Pferdefleisch ist magerer als Rind, enthält weniger gesättigte Fettsäuren, viel Vitamin A und Eisen. Wenn Sie also Pferdefleisch in Ihrer Lasagne fürchten, dann sollten Sie sich auch ärgern, wenn Teile Ihres billigen IKEA-Fichtenregals in Wahrheit aus Eiche bestehen.

Agrarministerinnen und andere schlaue Menschen jammern in der Öffentlichkeit über die Wegwerfgesellschaft. Gleichzeitig wird die Definition von dem, was als Essbar gilt, von den gleichen Leuten immer enger gezogen. Innereien geht gar nicht mehr (selbst Leber lehnen viele Leute inzwischen ab). Von Hähnchen wird nur noch Brust und Keule gegessen (und gelegentlich „Chicken Wings“). Den Rest verschiffen clevere Exporteure nach Westafrika. Dort ruiniert der europäische „Abfall“  einhei-mischen Hühnerfarmer. Und da keine funktionierenden Kühlketten existieren, kommt es häufiger zu Salmonellen-Epidemien.

Es ist absolut verständlich, dass Menschen, die eine emotionale Verbindung zu ei-nem Tier aufgebaut haben, dieses nicht essen wollen. Doch die Verbindung zu Pfer-den ist bei Nicht-Reitern lediglich kulturell vermittelt. Sie kennen ja meistens gar kein Pferd, genauso wenig, wie sie ein Schwein kennen.

Die meisten Pferde werden in Deutschland so gehalten, wie Tierfreunde sich dies für Schweine oder Hühner wünschen. Und ausgerechnet das Fleisch dieser Tier vernich-ten wir. „Welch eine Vergeudung,“ sagt Valentin Thurn. Der Regisseur des Erfolgs-films „Taste The Waste“, der eine Diskussion über das Wegwerfen wertvoller Le-bensmittel entfachte, hat kein Verständnis dafür, dass die „Skandal Lasagne“ jetzt palettenweise vernichtet wird. „Man könnte die Fertiggerichte doch korrekt deklarie-ren und Menschen geben, die kein Problem mit Pferdefleisch haben,“ sagte er dem FOCUS.

Pferde könnten einen durchaus relevanten Anteil des deutschen Fleischkonsums de-cken, und damit vielen armen Schweinen und Mastbullen ein tristes Leben ersparen. Obwohl Pferde nicht mehr als Arbeitstiere benötigt werden, hat sich ihre Zahl seit 1970 auf 1,2 Millionen mehr als vervierfacht, schätzt die Deutsche Reiterliche Verei-nigung. Das sind fast so viele wie in den Zeiten, als Zug- und Tragtiere noch wichti-ger waren als Autos und Traktoren.

Lediglich 11 499 Pferde wurden 2012 von Metzgen geschlachtet und zu Lebensmit-teln verarbeitet. Nach Schätzungen werden etwa ebenso viele in Länder exportiert, in denen ihr Fleisch als Delikatesse gilt. Weil die Tiere aber die EU nicht verlassen, gibt es keine Exportstatistik darüber.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung schätzt, dass etwa 60 000 Pferde jährlich ster-ben. Bleiben also etwa 40 000, die an Altersschwäche verenden oder eingeschläfert werden, falls sie krank oder verletzt sind. Will ein Besitzer lediglich sein altes Pferd loswerden, sollte der Tierarzt die Todesspritze laut Gesetz verweigern, denn es muss ein vernünftiger Grund vorliegen, um einem Wirbeltier das Leben zu nehmen (Auf-essen gehört zu diesen vernünftigen Gründen). Kranke Pferde gibt es viele, sagt der Veterinär Manfred Stein, Betreiber des Tierärzte-Portals „animal-health-online.de“: „Sie sterben jung den Gnadentod, weil sie kaputt geritten wurden.“

Diese zirka 40 000 durch Altersschwäche oder Todesspritze verblichenen Sport- und Freizeitpferde werden in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt. Von ihnen bleibt nichts als Brennstoff für Industrieöfen. Vermutlich ist ein großer Teil davon durchaus lebensmitteltauglich. Es wäre ökologischer und ethisch angemessener diese Tierkör-per nicht als Heizmaterial zu vergeuden.

 

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